AgrarBlockchainDigitale TransformationICO

Beendet die Blockchain das Welternährungsproblem?

Meinen letzten Blog zum Thema „Digitale Transformation in der Landwirtschaft“ schloss ich mit dem hoffnungsvollen Ausblick, dass erhöhtes Problembewusstsein für Ernährung, neue Ideen durch kreative Köpfe und der Einsatz innovativer Technologien eine wirksame, disruptive Veränderung des Welternährungsproblems initiieren könnten.
Voila:
Vor ein paar Tagen stieß ich über eine verheißungsvolle Überschrift eines Artikels in der Gründerszene („Kann die Blockchain dafür sorgen, dass es bald keinen Hunger mehr gibt“) auf das Projekt ATFS, „World’s First AgriTech & Food Science Project“. Das Projekt verfolgt eine umfassende Lösung für die wachsende Nahrungsmittelkrise der Welt, indem es technologische Fortschritte in der Landwirtschaft (Smart Farm 2.0), neue Einkommensgrundlagen und Versorgungssysteme (Blockchain-basierter Marktplatz) sowie eine verträgliche Alternative zum Fleischkonsum bietet. WOW!

Ein 47-seitiges Whitepaper skizziert den Projektumfang sowie den Finanzierungsansatz recht anschaulich. Der Umfang des Projektes ist extrem ambitioniert und eine gewaltige inhaltliche, technische, organisatorische, markttechnische und finanzielle Herausforderung.
Der geplante Technologieeinsatz für die Realisierung des Projektes in den 3 o.g. Bereichen listet nicht weniger als IoT, Big Data, Deep Learning, Robotics, Synthetic Biology, Biotechnology, Food Science, Smart Contracts, Blockchain Technology, Information & Security und Payment Gateways.

Das 4-köpfige Gründerteam aus Südkorea besteht aus 3 erfahrenen VC, Investmentbanking, Fundraising und Finanzmanagement Executives und einem CTO.
Das Projekt soll über ein sogenanntes Initial Coin Offering (ICO) finanziert werden, die über den Verkauf von ATFS Tokens seit 10. Januar und bis 9. Februar 68 Mio USD vorab einspielen sollen. Zunächst war geplant, den Erwerb der Tokens nur über die Kryptowährung Ether (ETH) zuzulassen. Aufgrund der derzeitigen Schwäche und nach wie vor hohen Volatilität der Kryptowährungen stellt ATFS derzeit den Erwerb der Tokens auf USD um.

Die Ethereum Plattform – Blockchain und Smart Contracts – ist die Technologie der Wahl bei der Umsetzung des elektronischen Marktplatzes zum Handel der Nahrungsmittel. Der ATFS Token ist dabei selbst nicht operatives Zahlungsmittel für den Betrieb der Plattform, sondern ein handelbarer, dividenden-berechtigter Anteil an der auf den Cayman Inseln gegründeten ATFS Lab., Limited.
Die Blockchain soll in diesem Projekt umfangreiche Aufgaben übernehmen um den Handel der Lebensmittel sicher und transparent zu machen. Herkunftsnachweise, Produktinformationen, Transportablauf und – konditionen, sowie letztendlich der Zahlungsausgleich über Kryptowährungen sollen mit der Ethereum Technologie fälschungssicher gemanaged werden.

Es wäre großartig, wenn dieses Projekt erfolgreich würde, sowohl für das Welternährungsproblem und Klima, als auch für die Initiatoren und Anleger.

Wie jedes Projekt birgt auch dieses natürlich die klassischen Risiken der Umsetzung und vor allem auch der Marktakzeptanz (Verbraucher!) – in diesem speziellen Falle gegen eine mächtige und eingespielte Nahrungsmittelindustrie und ihr Öko-System, mit welchem sich das Projekt hier in den Wettbewerb oder eine Kooperation begeben muss. Auch gibt es mit Beyond Meat bereits einen Anbieter für pflanzlichen Fleischersatz in den USA.

Das größte Risiko verbirgt sich meiner Meinung nach aber hinter dem sehr kritisch zu sehenden ICO Finanzierungsansatz.
In 2017 gab es ca. 150 ICOs weltweit, die kurz vor Jahresende ca. 3 Mrd USD eingespielt haben. ICOs halten für die Anleger (als für die Käufer dieser Coins oder Tokens) drei mögliche Modelle zur Gewinnerzielung bereit:

  • Beteiligung am Unternehmen (ähnlich wie Aktien, aber ohne Börsenaufsicht, Stimmrechtsanteile oder andere Rechte)
  • Eine Art Gutschein oder Berechtigung, mit diesen Coins im Geschäftsmodell des Unternehmens etwas zu nutzen (z.B. eine Dienstleistung)
  • Gewinnbeteiligung in Abhängigkeit vom Anteil der Coins die der Anleger hält (Modell des hier behandelten ATFS ICO)

Die eigentliche Gewinnerzielung erfolgt derzeit bei den meisten IOCs jedoch ganz anders. Sobald die Coins an die Anleger in der Fundraisingphase ausgegeben sind, werden sie an den Kryptowährungsmarktplätzen handelbar und zum Spekulationsobjekt. Dabei ist zu beobachten, dass diese Coins zunächst häufig exorbitant in ihrem Handelswert steigen. Von den dahinterliegenden Projekten ist nicht mehr viel zu hören. Fortschritte sind eher selten bzw werden überhaupt nicht transparent. Das ICO scheint seinen Zweck erfüllt zu haben. Auf einer Projektidee wurde somit eine Spekulationsblase aufgebaut, bei der die Anleger und vermutlich auch Initiatoren der IOCs zum richtigen Zeitpunkt versuchen werden ihren Schnitt zu machen.

Sicher gibt es hier nicht nur schwarze Schafe, dennoch sollte man sehr genau hinsehen ob die Initiatoren seriös sind und eine Chance haben das eigentliche Projekt wirklich umzusetzen.

Es ist sehr zu wünschen, dass das ATFS Projekt kein schwarzes ICO Schaf ist, und die mutige Initiative zur Verbesserung des Welternährungsproblemes ein Erfolg würde. In jedem Falle werde ich den Werdegang dieses Projektes weiter mit großem Interesse beobachten.